Requisitoir Rob Wurms – de

Hohes Gericht,

Vor achtundsechzig Jahren wurde ich in einer jüdischen Familie in Amsterdam geboren. Kaum zwei Monate später, am 27. März 1943, wurden meine zwei Halbschwestern Kaatje und Veronica Wurms zusammen mit ihrer Mutter, Rachel Wurms-Buijtekant, aufgegriffen. Über das Lager Westerbork wurden sie am 30. März 1943 ins Vernichtungslager Sobibor weitergeschickt. Nach drei Tagen kamen sie dort an, am 2. April, und wurden dort, nachdem sie beraubt und gedemütigt waren, noch am selben Tag ermordet. Meine Schwester Kaatje war 15 Jahre alt, und sie war taub. Veronica war 13.

Außer meinen Schwestern und ihrer Mutter wurde noch eine große Anzahl meiner Verwandten in Sobibor ermordet. Als dieser Prozess hier vor jetzt schon fast eineinhalb Jahren im Herbst 2009 begann, war ich emotional nicht richtig in der Lage, ihre Namen vor Ihrem Gericht auszusprechen. Jetzt ist es mir aber möglich und deshalb werde ich jetzt ihre Namen nennen:

Mein Cousin Juda FRANK
geboren am 01.09.1913 in Amsterdam,
umgebracht am 11.06.1943 in Sobibor,
29 Jahre alt

sein Bruder, mein Cousin Hartog FRANK
geboren am 18.08.1915 in Amsterdam
umgebracht am 09.07.1943 in Sobibor
27 Jahre alt

und seine Frau Flora FRANK-WEGLOOP
geboren am 12.05.1915 in Amsterdam
umgebracht am 11.06.1943 in Sobibor
28 Jahre alt

und ihr Sohn Meijer FRANK
geboren am 02.06.1941
umgebracht am 11.06.1943 in Sobibor
2 Jahre alt

meine Tante Hendrika WURMS-NEETER
geboren am 15.03.1894 in Groningen
umgebracht am 11.06.1943 in Sobibor
49 Jahre alt

ihre Tochter, meine Cousine Judith WURMS
geboren am 23.07.1932 in Amsterdam
umgebracht am 11.06.1943 in Sobibor
10 Jahre alt

meine Tante Lena WURMS-WORMS
geboren am 19.11.1909 in Amsterdam
umgebracht am 09.04.1943 in Sobibor
33 Jahre alt

ihre Tochter Clara WURMS
geboren am 14.06.1938 in Amsterdam
umgebracht am 09.04.1943 in Sobibor
4 Jahre alt

meine Tante Saartje FRANK-WURMS
geboren am 30.01.1908 in Amsterdam
umgebracht am 21.05.1943 in Sobibor
35 Jahre alt

ihr Sohn Juda FRANK
geboren am 05.02.1937 in Velsen
umgebracht am 21.05.1943 in Sobibor
6 Jahre alt

und ihre Tochter Mietje Anna FRANK
geboren am 19.07.1939 in Velsen
umgebracht am 21.05.1943 in Sobibor
3 Jahre alt

mein Großvater Levie VOORZANGER
geboren am 06.12.1884 in Amsterdam
umgebracht am 21.05.1943 in Sobibor
58 Jahre alt

Gerne, allzu gerne, hätte ich sie alle gekannt. Wie gerne wäre ich mit meinen großen Schwestern aufgewachsen und hätte bei meinen Freunden mit ihnen angegeben. Dieser Traum wurde vor 68 Jahren, lange bevor ich ihn überhaupt träumen konnte, im Keim erstickt.

Manchmal versuche ich mir vorzustellen – dem kann ich mich nicht entziehen -, was sie durchmachen mussten: die Angst, die Schmerzen, das Leid, das Ersticken.

Ich bin nicht mit ihnen aufgewachsen, habe sie nicht gekannt, wusste überhaupt nicht, wie sie aussahen. Bis Sonntag, den 17. Oktober 2010. Bei der Enthüllung eines kleinen Denkmals für die von den Nazis ermordeten gehörlosen jüdischen Kinder begegnete ich unerwartet Kaatjes früherer Schulfreundin. Sie waren in derselben Klasse der nicht-jüdischen, öffentlichen Gehörlosenschule in Amsterdam. Sie zeigte mir ein Klassenfoto aus dem Jahre 1942, auf dem beide deutlich zu erkennen sind, und sie zeigte mir, wer von den Kindern Kaatje war. Seitdem trage ich Kaatjes Porträt bei mir.

Diese Klassenkameradin, jetzt eine Frau von über 80, erzählte außerdem, dass Kaatje ein sehr fröhliches Mädchen und sehr mutig war.
Jetzt, heute vor Ihrem Gericht, gebe ich mit ihr an. Meine Schwester Kaatje war fröhlich und traute sich alles zu, trotz ihrer Taubheit. Über Veronica weiß ich zu meinem Leidwesen immer noch sehr wenig.

Deshalb, für den Mord an zwei Mädchen, noch Kinder, mit ihren Träumen über und ihren Erwartungen an das Leben, das, wie sie dachten, noch vor ihnen lag, für den Mord an meinen Schwestern und meinen anderen Verwandten, für den Mord an so vielen anderen, beantrage ich die Verurteilung des Angeklagten.

Ist der gegen den Angeklagten erbrachte Beweis denn hinreichend, um zu einer Verurteilung zu gelangen? Selbstverständlich ist es Sache Ihres Gerichtes, diese Frage zu beantworten. Persönlich bin ich der Überzeugung, dass dies der Fall ist: der Angeklagte hat mitgemacht, pflichtgetreu und mit Einsatz. Er hätte sich dem entziehen können, hat dies aber nicht gewollt. Jedenfalls hat er es nicht getan, sondern hat sich bis zum Schluss der Sache der Ermordung der Juden verschrieben.

Der Angeklagte hat sich entschieden zu schweigen. Dazu hatte er das Recht. Er hat sich nie geäußert und war liegend, manchmal schlafend im Gerichtssaal anwesend. So versuchte er sich der Konfrontation mit seinen eigenen Untaten und der Verantwortung gegenüber dem Gericht, dem Staatsanwalt, den Nebenklägern und ihren Anwälten zu entziehen.

Der Angeklagte hat also geschwiegen, die Verteidigung hat geschrieen. Dazu hatte diese, nach meiner Ansicht, nicht das Recht. Wie auch immer, es konnte mich einfach nicht beeindrucken. Im Gegenteil, meine Bereitschaft, etwas Verständnis dafür aufzubringen, dass die Verteidigung sich beruft auf die schwierigen Umstände, die möglicherweise eine Rolle bei den abscheulichen Verbrechen des Angeklagten gespielt haben, ist so auf nahezu Null gesunken.

Ich halte den Angeklagten deshalb der Beihilfe zum Mord an sehr vielen Menschen für schuldig, unter ihnen meine Schwestern Kaatje und Veronica Wurms, 15 und 13 Jahre alt. Ich beantrage dafür die Höchststrafe. Ich halte das für gerecht und ich hoffe und bete, dass dies wenigstens 1 Verbrecher in spe davon abhalten wird, ein Massenmörder zu werden.