Requisitoir Rudie Cortissos – de

Plädoyer von Rudolf Cortissos (Stand 01-22-CN)

Die Welt ändert sich leider nicht: Die Inquisition auf der iberischen Halbinsel, die Pogrome in den ehemaligen osteuropäischen Ländern, die Holocaustleugnungen der letzten Zeit und der Antisemitismus überall. Die Schoah jedoch übertrifft alles.  6 Millionen Juden wurden vergast, erschossen, lebendig begraben in ungelöschtem Kalk, sie wurden verraten, sind erfroren, verhungert, wurden kastriert oder sterilisiert, es wurden tödliche Experimente an ihnen durchgeführt und sie wurden, nachdem sie zu Tode gefoltert und erniedrigt waren, nicht ehrenvoll begraben. Das war 1940-1945. Heutzutage beobachten wir Darfur, Ruanda, Srebrenica und Gefängnisse, wo menschenunwürdige Zustände herrschen. Offensichtlich kann der Mensch sich nicht human benehmen. Leider!

Es freut mich überhaupt nicht, hier zu stehen. Es ist wie ein Traum, etwas völlig Unwirkliches. Vor mehr als 67 Jahren, am 21. Mai 1943, wurde meine Mutter in Sobibor ermordet, und ich, ihr Sohn, der seine Mutter nie gekannt hat, habe die Gelegenheit, zu den Anwesenden hier im Gerichtssaal, ausgerechnet in München, zu sprechen. Sie wurde am 11. Mai 1943 von Amsterdam nach Westerbork abtransportiert, nachdem sie von Leuten der niederländischen National-Sozialistischen Bewegung verraten und an der Straßenbahnhaltestelle verhaftet wurde. Der Zug fuhr am 18. Mai 1943 in östlicher Richtung ab, wie sie in ihrem letzten Brief, aus dem Zug geworfen, geschrieben hat.

Heute kann ich direkt und persönlich der Welt im Namen von vielen Verstorbenen, Ermordeten oder Lebenden zeigen, dass die Folgen der Shoa immer noch fast täglich eine Rolle spielen. Das gilt nicht nur für mich, es gibt sehr viele Menschen in derselben Lage, auf der ganzen Welt.

Wer bin ich? Geboren im Jahre 1939 in Amsterdam, war ich seit Ende des Jahres 1941 bis zum Kriegsende alleine, unter einem falschen Namen, untergetaucht. Wie ein Päckchen verschenkt an wildfremde Menschen. Meine Mutter hat mich nie wieder gesehen. Stellen Sie sich einmal vor, was das für ein Kind und für die Eltern bedeutet.
Ich bin teilweise portugiesisch-jüdischer Abstammung, mit dem bekannten Schicksal für Juden, wie es meine Mutter und 63 weitere Mitglieder meiner Familie ereilt hat – in Sobibor und Auschwitz in den Gaskammern ermordet zu werden. Und ich fühle mich jetzt als Vertreter von 97.500 getöteten aschkenasischen und 4.500 portugiesischen Juden.

Wie gesagt, es spielt noch fast täglich eine Rolle in meinem Leben, ein Leben, das sich zum Glück doch günstig entwickelt hat. Aber stellen Sie sich vor, wie es ist, ohne Eltern, ohne Großeltern, ohne Onkel und Tanten, ohne Vettern und Kusinen, ohne irgendeine Familie  aufzuwachsen.

Machen Sie sich einmal bewusst:
–    normal zur Toilette gehen können, statt im Zug nach Osten auf einen Eimer, den Sie mit 100 oder mehr fremden Mitreisenden teilen müssen;
–    frische Luft einzuatmen, statt die stickige Luft, die meine Mutter mit ihren asthmatischen Problemen während der dreitätigen Zugfahrt nach Polen zum Atmen hatte;
–     zu Hause oder im Restaurant essen, statt überhaupt nicht essen und trinken;
–    ruhig schlafen gehen, statt todmüde nackt mit der Peitsche in die Gaskammern getrieben zu werden;
–     eine Dusche nehmen, statt mit einer Masse anderer nackter Menschen zusammengedrängt qualvoll zu ersticken
Stellen Sie sich vor, woran ich denke,
–     wenn ich den Herd anzünde, statt den Verbrennungsofen, in dem sie verbrannt wurde;
–    wenn ich zum Friseur gehe, statt kahl rasiert zu werden wie meine tote Mutter und ihre  ihre Schwester;
–     wenn ich ins Konzert gehe, statt die Musik zu hören, die am Bahnhof zur betrügerischen Beruhigung der Häftlinge gespielt wurde oder ein Konzert für Nazi-Offiziere, gespielt von jüdischen Musikern;
–    wenn ich zum Zahnarzt gehe, statt der Suche nach Gold im Mund der toten Mutter und den Millionen anderen.

Ja, diese Vergleiche sind schrecklich. Mit Freunden reden wir mehr oder weniger regelmäßig darüber, die Medien schreiben immer wieder darüber und das Fernsehen zeigt uns manchmal Bilder. Und wie viele Bücher wurden herausgegeben? Aber ich werde unbeabsichtigt mit diesen Gedanken konfrontiert, nicht jeden Tag, aber mindestens fünf Mal in der Woche. Wie war es möglich, dass Menschen sich auf diese Weise verhielten und uns damit ein Leben lang belastet haben?
Die Welt soll wissen, was für eine Rolle Menschen wie Demjanjuk während des Krieges gespielt haben. Es wird nie vorbei sein. Und keiner soll seiner Strafe entgehen.
Weder können wir noch dürfen wir jemals vergessen. Wir sollen dazu beitragen, dass so etwas wie die Shoa nie wieder passiert. Darum bin ich hier.
Das jüdische Volk ist lebendig.

Rudie Cortissos, Amsterdam
Sobibor/Demjanjuk-Prozess, 2011